Leitbild

Mit unserem Leitbild möchten wir unseren Mitarbeiter:innen, Bewohner:innen; Eltern und Auftraggeber:innen, sowie die Öffentlichkeit über die Ziele und Werte unserer Einrichtung informieren. Es soll das Selbstverständnis unserer Arbeit widerspiegeln und als verbindliche Grundlage unserer Arbeitshaltung dienen.

Unsere Visionen
Unsere Wunschvorstellung wäre, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Elternhaus einen sicheren Halt erleben und von dort aus befähigt werden später ein verantwortungsbewusstes und gesellschaftsfähiges Leben zu führen. Somit wären unsere Arbeit und unsere Einrichtung überflüssig und die Mitarbeiter:innen der Jugendwohngemeinschaft Spitze arbeitslos. Gemessen an der Auftragslage und den belegten Zimmern in der JWG erscheint diese Wunschvorstellung unrealistisch.
Unsere Arbeitshaltung spiegelt nunmehr folgende Vision wieder:
Jugendliche sollen erlernen, selbstverantwortlich ihren Alltag zu bewältigen und hierzu Hilfsangebote aktiv nutzen können. Sie sollen erlernen, ihr Verhalten und emotionales Erleben zu reflektieren und hierzu Gespräche nutzen, in denen sie erlernen ihre Wünsche und Anliegen angemessen zu äußern. Jugendliche sollen hoffnungsvoll in ihre Zukunft blicken können, ihre Stärken und Schwächen kennenlernen und diese produktiv nutzen können. Ihr Umfeld soll so gestaltet sein, dass es zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung führt und sie ihre Ressourcen kennen und nutzen können. Sie sollen befähigt werden, ihr Leben selbstbestimmt, eigenverantwortlich und selbstständig zu führen. Die Eltern bleiben Eltern, auch wenn die Kinder und Jugendlichen nun in einer Einrichtung leben. Teil unserer Vision ist auch, dass die Eltern sich weiterhin für ihre Kinder interessieren, aktiv mitarbeiten und vor allem nicht das Kindeswohl gefährden.

Unser Auftrag
Zweck und Auftrag der Einrichtung ergeben sich aus §34 SGB VIII, ggf. in Verbindung mit §41. In besonderen Fällen verbleiben Jugendliche auch nach einem Wechsel auf §35a in unserer Einrichtung.
Kinder und Jugendliche sollen demnach durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen Angeboten individuell in ihrer Entwicklung gefördert werden. Die Förderung soll entsprechend des Alters und des Entwicklungsstandes sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie erfolgen. Hierdurch soll erreicht werden, dass die untergebrachten Kinder und Jugendlichen in die Herkunftsfamilie zurückgeführt werden. Sollte diese Möglichkeit nicht in Betracht kommen, soll die Einrichtung eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbstständiges Leben vorbereiten.
Kinder und Jugendliche sollen demnach in den Bereichen Ausbildung, Beschäftigung, Schule und der allgemeinen Lebensführung, also Gesundheit, Freizeit, Ernährung und Verselbstständigung beraten, unterstützt und ggf. vertreten/begleitet werden.

Wie setzen wir den Auftrag um?
Wir möchten den Kindern und Jugendlichen eine familiäre und fürsorgliche Atmosphäre bieten, in denen sie sich im Rahmen der hiesigen Regeln frei entfalten und sich heimisch fühlen können. Durch individuelle Förderung möchten wir die Jugendlichen beim Kennenlernen ihrer Stärken und Schwächen begleiten, sodass sie zu gesellschaftsfähigen, selbstständigen Menschen heranwachsen können. Besonders wichtig ist uns dabei den Jugendlichen authentisch und auf Augenhöhe zu begegnen, um eine positive Beziehung aufzubauen.
Eine Unterbringung in einer Einrichtung ist für viele Eltern zunächst mit Sorgen und Ängsten verbunden, welche wir ernst nehmen. Eltern bleiben bei uns Eltern und werden in die pädagogische Arbeit miteinbezogen. So möchten wir Eltern beraten, erzieherische Unterstützung anbieten und mit diesen gemeinsam an den individuellen Problemen der Kinder und Jugendlichen bzw. des Familiensystems arbeiten.
Eine gute Zusammenarbeit mit den Jugendämtern ist für uns sehr wichtig, denn nur in Zusammenarbeit kann die individuelle Hilfe für Kinder und Jugendliche erfolgreich verlaufen.

Unsere Werte
Für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen ist eine ethisch-begründete Arbeitsweise in unterschiedlicher Hinsicht wichtig. Dem pädagogischen Handeln liegen immer Normen und Wertvorstellungen zugrunde, welche es begründen und legitimieren (z.B. Verbote & Konsequenzen).
Zu den Normen und Wertvorstellungen zählen auch gesetzliche Vorgaben und Grundrechte oder der Schutz des Kindeswohls außer- und innerhalb der Einrichtung.
Explizite Informationen hierzu finden Sie zusätzlich in unserem Kindeswohlgefährdungskonzept, dem Schutzkonzept, dem Sexualpädagogikkonzept, dem Medienpädagogikkonzept und dem Elternarbeitskonzept.
Über unsere Norm- und Wertvorstellungen möchten wir in den folgenden Absätzen informieren:

Menschenbild
Die Entwicklung des Menschen ist nicht determiniert, sondern offen. Dies gilt auch für die sozialmoralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, welche wesentlich von sozialen und kulturellen Kontextfaktoren, sowie Erziehung abhängig ist.
In unseren Augen wird kein Mensch schlecht geboren. So sind abweichende Verhaltensweisen vorrübergehend und ein positiver Einfluss und Veränderung sind möglich. Aus diesem Grund machen wir uns gerne beim Vorstellungsgespräch ein eigenes Bild und sind bereit auch „schwierig-betitelten“ Jugendlichen eine Chance zu geben, wenn diese grundsätzlich zur Gruppe und unserem Setting passen.

Grundrechte ☼ Kinderrechte

Das Grundgesetz dient als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, somit auch der Jugendwohngemeinschaft Spitze. Ebenfalls beachten wir die Kinderrechte und handeln danach.

Fest verankert ist durch unser Schutz- und Kindeswohlgefährdungskonzept, dass jeder Mensch das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, sowie das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Jedes Kind hat zudem das Recht auf gewaltfreie Erziehung und das Recht auf Schutz vor Misshandlung.

Akzeptanz ☼ Toleranz ☼ Wertschätzung ☼ Respekt
Wir akzeptieren jeden Menschen so wie er ist und entgegnen ihm mit Wertschätzung und Respekt. Frei nach dem Motto: „Ich muss nicht jeden verstehen, um ihn zu mögen und zu unterstützen!“. Toleranz und Gleichberechtigung hat für uns höchsten Stellenwert; diskriminierendes Verhalten wird nicht geduldet. Wir entgegnen den Kindern und Jugendlichen vorurteilsfrei, sodass diese, nach oft problembelasteter Vergangenheit, hier einen Neustart finden.

Lebensweltorientierung
Lebensweltorientierung bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen in ihrer individuellen Lebensweise und ihrem Lebensumfeld betrachtet werden. Ebenfalls bedeutet es, ihrer individuellen Deutung Wert zu schenken.
„Ein Problem für mich bedeutet nicht gleichzeitig ein Problem für den anderen.“
So legen wir hohen Wert darauf, die Kinder und Jugendlichen (altersabhängig) in den Punkten zu unterstützen, denen sie Bedeutung schenken. Wir nehmen die Kinder und Jugendlichen ernst und begegnen ihnen auf Augenhöhe.
Hierzu machen wir mit ihnen gemeinsam ihre individuellen Ressourcen ausfindig und binden diese in den Problemlösungs- oder Entwicklungsprozess mit ein.

Vertrauen ☼ Autonomie ☼ Selbstbestimmung
Jedes Kind und jeder Jugendliche erhält bei seinem Einzug einen großen Vertrauensvorschuss von uns, was durch unsere niederschwelligen Regeln unterstützt wird. Dies hilft den Jugendlichen dabei, den Einzug in unsere Einrichtung als Neustart zu erkennen. Merken wir, dass die Bewohner:innen mit so viel Vertrauen nicht umgehen können oder dieses gar missbrauchen, kommen individuelle Regelungen hinzu. Hierdurch erlernen sie, dass ihr Handeln Konsequenzen hat.
Durch die grundsätzlich niederschwelligen Regeln können wir die Jugendlichen in ihrer Autonomie und Selbstbestimmung zusätzlich bestärken.

Authentizität ☼ Offenheit ☼ Ehrlichkeit
Es ist uns wichtig, den Jugendlichen authentisch, offen und ehrlich zu begegnen, denn „wenn ich möchte, dass sich mir gegenüber jemand öffnet, muss ich ihm auch offen begegnen“. Durch diese Werte ist es möglich familien-ähnliche Bindungen aufzubauen und Wissenswertes zu vermitteln.

Empathie ☼ Geduld
Wir sind bereit den Kindern und Jugendlichen aktiv zuzuhören und versuchen Situationen auch aus ihren Augen zu betrachten. Dies führt dazu, dass wir sehr geduldig mit den Bewohner:innen nach Lösungsmöglichkeiten suchen und auch bereit sind unkonventionelle Wege zu gehen, um das bestmögliche für diese herauszuholen.

Beständigkeit ☼ Kontinuität ☼ Zuverlässigkeit ☼ Sicherheit
Viele Kinder und Jugendliche haben schon Bezugspersonen- und Umfeldwechsel oder Unzuverlässigkeit erfahren. Wir möchten Kindern und Jugendlichen eine sichere und stabile Beziehung anbieten. Durch unser beständiges Team bieten wir Kontinuität und Sicherheit. Es ist uns wichtig den Jugendlichen eine zuverlässige Anlaufstelle zu bieten. So versuchen wir Gesagtes einzuhalten und den Jugendlichen hierdurch ein Vorbild zu sein.

Demokratie ☼ Partizipation ☼ Transparenz
In unserer Einrichtung dürfen Jugendliche mitbestimmen und können somit aktiv ihren Entwicklungsprozess mitgestalten. Unsere niederschwelligen Regeln und auch individuelle Regelungen sind immer wieder verhandel- und anpassbar, denn auch für uns Pädagog:innen ist dies ein fortlaufender Prozess, der regelmäßig überprüft und individuell gestaltet werden sollte. Die Jugendlichen lernen auf diesem Weg, dass ihre Meinung wertgeschätzt wird und sie durch Gespräche etwas an ihrer Situation verändern können. Wichtig ist uns hierbei auch transparent zu sein und die Jugendlichen auf dem Laufenden zu halten, was wir mit Jugendämtern, Eltern und Schulen besprechen. Ebenfalls teilen wir ihnen klar mit, wenn wir ratlos sind und uns die Hilfe nicht mehr geeignet erscheint. Dies bietet den Jugendlichen Sicherheit und die Möglichkeit ihr Verhalten zu reflektieren und gemeinsam mit uns Möglichkeiten zu erarbeiten diesen Prozess positiv zu beeinflussen.

Neue Autorität
Das Modell der Neuen Autorität baut darauf auf, dass durch persönliche Präsenz und wachsame Sorge von Pädagog:innen ein Rahmen für einen erfolgreichen Entwicklungsprozess hergestellt wird. Als wichtigste Ressource dient hier die Fähigkeit konstruktive Beziehungen zu gestalten, indem jedem Menschen eine wertschätzende Grundhaltung entgegengebracht wird. Durch die Vermeidung von Machtkämpfen arbeiten die Pädagog:innen eskalationsvorbeugend und entgegnen problematischem Verhalten mit Beharrlichkeit und einer optimistischen Grundhaltung, dass sie durch Beziehung einen Einfluss auf Veränderung haben.

Fehlbarkeit ☼ Disziplin
Kein Mensch ist unfehlbar. Nicht die Jugendlichen, nicht die Eltern und auch nicht wir. Fehler dürfen geschehen. Wichtig ist hier, dass diese eingestanden werden. Entschuldigungen dienen der Wiedergutmachung und geben dem Gegenüber ein Gefühl von Wertschätzung. Gleichzeitig legen wir Wert darauf, dass die wenigen Grundregeln und Verpflichtungen, die unsere Einrichtung bietet, auch eingehalten werden. Dies ist für uns das Mindestmaß der Mitwirkung.

Selbstwert ☼ Selbstwirksamkeit ☼ Verantwortung
Selbstwert definiert sich als Wertschätzung der eigenen Person. Kinder und Jugendliche, die ihre Stärken und Schwächen nicht kennen oder in Vergangenheit überwiegend auf Letztere reduziert wurden, haben meist eine geringe Wertschätzung für die eigene Person. Durch aktives Loben möchten wir die Jugendlichen stärken ihren Selbstwert zu erkennen. Wir möchten ihre Stärken fördern und sie ermutigen diese zu nutzen.
Selbstwirksamkeit definiert den Glauben an den eigenen Einfluss etwas zu verändern oder durchzuführen. Viele Kinder und Jugendliche scheitern an kleinen Aufgaben, bevor sie diese ausprobiert haben. Hier fördern wir die Jugendlichen wiederkehrend positive Erfahrungen zu machen, indem wir sie begleiten, beraten und unterstützen. Dies führt zu einer allmählichen Verselbstständigung, weil die Jugendlichen lernen an sich zu glauben.
Durch die Stärkung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit lernen die Kinder und Jugendlichen allmählich Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Kommunikation ☼ Abgrenzung ☼ Grenzen setzen
Durch Kommunikation können viele Probleme gelöst werden. Durch aktives Zuhören schenkt man seinem Gegenüber Wertschätzung und Vertrauen wird aufgebaut. Das Bedürfnis gesehen zu werden wird gestillt.
Gleichzeitig ist es uns wichtig den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie nicht alles preisgeben müssen. Vor allem Kindern und Jugendlichen mit traumatischer Vergangenheit raten wir hier eine/n externe/n Ansprechpartner:in über eine Psychotherapie zu suchen. Auch vermitteln wir ihnen, wo unsere Grenzen sind. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass alle Fragen gestellt werden dürfen, aber nicht alles beantwortet werden muss. Falsches Verhalten wird thematisiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht bzw. ergeben sich hieraus nachvollziehbare Konsequenzen, welche wir den Jugendlichen im Gespräch vermitteln.

Gruppendynamik
Unter Gruppendynamik versteht man die wechselseitige Beeinflussung von Mitgliedern einer Gruppe. Dies machen wir uns in unserer Arbeit zunutze. Nicht nur wir haben einen Einfluss auf eine positive Entwicklung der Jugendlichen, sondern auch diese untereinander. Aus diesem Grund beobachten wir schon beim Erstgespräch, ob der Jugendliche zur vorhandenen Gruppe passt.

Schluss
Die vorab beschriebenen Werte spiegeln das Grundgerüst für die Arbeitshaltung der Pädagog:innen der JWG Spitze wider. Zeitgleich ist die Aufzählung nicht abschließend; wir hinterfragen in regelmäßigen Abständen unsere Wertvorstellungen, optimieren und vervollständigen diese, um für die Kinder und Jugendlichen den größtmöglichen Nutzen und bestmöglichen Schutzraum zu bieten.

Und wie schon Einstein wusste: „Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Also wenn Sie nun noch Fragen haben, lassen Sie es uns wissen!